18. Mai 2009
Gerhard Wochele

 

Start: Stuttgart-Cannstatter RC (Stromkilometer 179 )

Ziel: Schleuse Hessigheim ( Stromkilometer 143,03 )

 

1. Etappe bis Marbacher RV ( Str-km: 157 )

Mygg: H. Jäh, L.Busch, B. Krüger;

Fasold: M.Metz, G. Wochele, J. Goldberg, G. Weber, H. Zwirtz

Land: A.v.Starck, M. Scheer, Fr. Busch, B. Wittgen

2. Etappe: Mygg: L. Busch raus, A.v.Starck rein

Fasold: Metz, Goldberg, Zwirtz raus, Scheer, Fr. Busch und    B.Wittgen rein

 

Im lichtdurchfluteten Frühstücksraum gab es – wie bei jeder Wanderfahrt – Anregungen und Befehle unsres lieben Wanderfahrtenleiters. 36 km und 5 Schleusen wurden angesagt.

Die Anfahrt erfolgte über Autobahn und Neckaruferstraße. Beim Stuttgart-Cannstatter RC fiel vor allem die unglaubliche Stille auf. Am Vortage schien es, als sei halb Stuttgart am Neckar und am Max-Eyth-See versammelt.

Nach wenigen Kilometern erwartete uns die Schleuse in Hofen. Diese Schleuse wurde von Stuttgart-Obertürkheim ferngesteuert. Überhaupt war die Schleusenbedingung per Fernsteuerung uns noch nicht so bekannt. Das umständliche Umsetzen an den ersten drei Schleusen in Esslingen hätten wir uns sparen können, ja, wenn wir die Telefonnummer des Fernbedieners gewusst hätten.

 Die nächste Schleuse in Aldingen war durch einen Schleusenwärter besetzt. Nach telefonischer Anmeldung wurden wir zügig geschleust. Bis dahin hatten wir die geringste Zeitverzögerung durch einen Schleusenvorgang.

 Kurz nach der Remsmündung legte Fasold an der Planke eines kleineren Rudervereins an. Steuermannwechsel war angesagt.

 Von der Remsmündung bis zur Schleuse in Poppenweiler ( km 165 ) konnten erstmals die schwäbischen Weingärten betrachtet werde. An steilen Hängen können die Weinstöcke nur erreicht werden, wenn – wie an der Mosel – der Weinbauer ständig die „Stäffele“ rauf und runter geht. Doch hierzu folgenden Excurs in die schwäbische Weingeschichte:

                                          Ein „ Wirtemberger „ ohne Wein

 Die Frage stammt von Schiller, der schon als Kind die steilen Muschelkalkhänge von Benningen oder Neckarweihingen durchstreift haben soll. Wie am Oberrhein, so rangte auch in den feuchtwarmen Auwalddschungeln des Neckars und seiner Seitenflüsse die Wildrebe. Der Blaue Affenthaler, eine kleinbeerige rote Rebsorte, soll gar eine eigene Züchtung aus der wilden Neckarrebe darstellen.

Wie auch immer, nach dem Abzug der Römer begannen die Mönche den Terrassenbau zu lehren, und der Wein eroberte seit dem 10. Jahrhundert auch die steilen Bergflanken des Neckartals. Bevor im Neckarland eigene Salinen angelegt wurden, bezahlte man das Salz aus dem Bayerischen mit Wein. Mit geschätzten 45.000 Hektar erreichte die Rebfläche Ende des 16. Jahrhunderts ihre größte Ausdehnung.

Wein wird im Neckarland heute nur noch dort angebaut, wo beste Qualität zu erwarten ist. Bei den Rotweinen dominiert vor allem der Trollinger, aber auch der Schwarzriesling und der Samtrot aus der Burgunderfamilie und der anspruchsvolle Lemberger. Unter den Weißen wären der deutsche Stammwein Riesling, der Sylvaner und der Müller-Thurgau zu nennen. Die berühmtesten Weinlagen von Esslingen, im oberen Teil der Schwäbischen Weinstraße bis weit unterhalb von Heilbronn, der Käsberg von Mundelsheim, der Schalkstein von Besigheim, der Stiftsberg in Heilbronn oder der Scheuerberg von Neckarsulm munden jedem Zecher.

Der Weinbau hat der Physiognomie des Mittleren Neckars und seiner Seitentäler

( Rems, Murr, Kocher, Jagst ) geprägt und ein anmutiges Netzwerk von Terrassen, Trockenmauern, Stäffele, Heckenrainen und Hohlwegen geschaffen. Von dieser auch ökologisch interessanten, von Steppenheidenflora, Wildrose, Pfirsich, Quitte und mediterranen Kräutern belebten Kulturlandschaft blieb durch die Flurbereinigung nur an den jäh abfallenden Muschelkalkabhängen etwas übrig. Dennoch, für Bernd Krüger gäbe es auch heute noch viel an Pflanzen, Insekten und sonstigem Getier zu entdecken.

 Leider kam uns an der Schleuse Popenweiler ein Frachtschiff in die Quere, so dass wir einen kompletten Schleusenvorgang abwarten mussten. 

Wir passierten die Orte Neckarweihingen und  Ludwigsburg-Hoheneck. Hoheneck ist bekannt für sein Heilbad. Immerhin hat das aus der Tiefe geförderte Wasser einen Salzgehalt von 3,4 % und eine Temperatur von 68 Grad.

Zu Ludwigsburg, das wir am Rande in Hoheneck/Neckarweihingen durchquerten möchte ich ff. berichten:

Der französische Staatspräsident Charles de Gaulle besuchte am 09.09.1962 die Stadt. Sein Besuch war der Höhepunkt seines Staatsbesuches in der Bundesrepublik. Die Massen waren in einer unbeschreiblichen Begeisterung, die sich noch steigerte, als de Gaulle in der Stuttgarter Straße anhalten ließ und ausstieg. Die Eskorte hatte große Mühe, die Straße für die Weiterfahrt freizuhalten. Im Schlosshof warteten schon lange 2.500 junge Menschen, die aus ganz Baden-Württemberg mit Bussen zusammengekarrt worden waren. Ich persönlich hatte damals das Glück unter den Ausgewählten zu sein.

Im Innenhof des Schlosses sprach dann de Gaulle in Anwesenheit von Adenauer, Lübke und Kiesinger frei und in gutem Deutsch seine Worte an die deutsche Jugend. Diese Rede ist wohl eine der bedeutendsten außenpolitischen Ereignisse der Nachkriegszeit. Wurde doch damit der offizielle Auftakt gegeben, das Verhältnis der Deutschen und Franzosen vor allem durch die junge und nachwachsende Generation so zu gestalten, dass auf diese Zweiergemeinschaft ein geeintes Europa aufgebaut werden konnte.

 Nach Hoheneck waren es dann noch 5 km bis zum Marbacher Ruderverein, eine weitere Schleusung inbegriffen. Nunmehr war eine Mittagspause nebst Vesper angesagt. Auch durfte ab Marbach der bisherige Landdienst wieder rudern.

 Beim Verzehr eines von mir hoch angepriesenen „Peitschensteckens“ ereignete sich ein Maleur. Axel biss mit voller Krankt in die Hartwurst und erwischte eine in der Wurst verborgene Metallkrampe. Dies veranlasste mich, bei der hübschen Frau des Metzgers den Fall vorzutragen. Zum Trost übergab sie mir eine Dose mit einer schmackhaften Gulaschsuppe. Diese habe ich zwischenzeitlich an Axel zum Trost und Wiedergutmachung weitergeleitet. 

In Marbach erschien auch meine Schwester Hannelore. Sie wollte nur die Männer sehen, die von Esslingen nach Heidelberg rudern wollten. Aus der Sicht einer Dame, die sich in einem Kahn über den Stuttgarter Max-Eyth-See rudern lässt, ist unser Vorhaben natürlich ein Himmelfahrtskommando.

 Marbach ist ein malerisches Städtchen mit rd. 13.000 Einwohnern. Wie Bad Wimpfen steht die gesamte Altstadt unter Denkmalschutz. Neben dem Schiller-Geburtshaus ist das hochliegende Nationalmuseum nebst Literaturarchiv mit Werken und Handschriften von Dichtern wie Hölderlin, Mörike, Schiller, Uhland etc. sehenswert.

Ein Besuch von Schillers Geburtshaus wurde auf den folgenden Tag verschoben. 

Wir wollten nicht in verschwitzten Kleidern unseren Nationaldichter Schiller beehren. 

Bei km 156 passierten wir den Ort Benningen. Diese Ortschaft hatte, im Gegensatz zu den Gebieten rund um Brandenburg den Vorteil, dass bereits um 85 n.Chr. die römische Kultur eingeführt wurde. Bekanntlich hatte ja Arminius anno 9 n.Chr. dasselbige für die Berliner Region verhindert. Jedenfalls entstand 85 n.Chr. hier ein Holz-Erde-Kastell mit rd. 500 Mann Besatzung. Es wurde erst im Jahre 260 n.Chr. aufgelöst, als die Mannschaften an den Limes in der Gegend von Murrhardt verlegt wurden.

 Kurz vor der Schleuse in Pfleidelsheim ( 150 km ) gab es im Fasold eine Diskussion über die Frage, wie der Schleusenwärter über unsere Wünsche zu informieren sei. Da die Mehrheit im Boot der informierten Minderheit nicht zuhören wollte, dauerte es immerhin fast 7 Minuten bis die Mehrheit davon überzeugt werden konnte, dass ein vorher geführtes Telefongespräch mit den Schleusenwärtern die beste Methode ist, um einen zügigen Schleusenvorgang zu bewerkstelligen. 

Bei angenehmen Sommerwetter erreichten wir um ca. 16 h die Schleuse Hessigheim bei Stromkilometer 143. Im Schleusenbereich Oberwasser konnten wir die Boote unmittelbar neben dem Neckar absetzen.

 Der Abend endete, wie am Vorabend harmonisch im Lokal „Dächle“, und endgültig im Garten des Quartiers.

 

Wanderfahrt 2009 - Übersicht