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Heidelberger Persönlichkeiten
Alt Heidelberg, du feine, du Stadt an Ehren reich
Klaus Paul fuhr den PC hoch, klickte Outlook und sah Bernds Hinweis, dass
alle Berichte zur Wanderfahrt nunmehr vollzählig vorlägen. Bewegt machte er
sich ans Lesen. Nur wenige Tage war er dabei gewesen, doch war es ihm, als
ob er sie die ganze Fahrt begleitet hätte. In der Tat, es war eine gute
Tradition, Tagesberichte anfertigen zu lassen. So wurden persönliche,
emotionale Erlebnisse festgehalten, die nicht nur Auskunft über das
Tagesgeschehen gaben sondern auch die unterschiedlichen Perspektiven der
Bundesbrüder aufzeigten.
Werner Möbius war viele, sehr viele Jahre der Kulturdruide der Fahrten
gewesen. Nie ließ er es sich nehmen, historische Hintergründe des
Ruderreviers zu besprechen und zu erläutern. Doch diesmal, so empfand Klaus
Paul, fehlte mit Heidelberg, dem letzten Etappenziel, ein der Fahrt
entsprechender abschließender Aufsatz. Also, um das Bild abzurunden und der
Tour ein Schlusslicht zu setzen, beschloss er noch etwas zum Thema
Heidelberg hinterher zu schieben. Fröhlich pfiff er Victor von Scheffels:
„Alt Heidelberg, du feine...“.
Früher schnitzte man den Federkiel oder spitzte den Bleistift. Er, so zu
sagen, tunkte den Finger in den Tuner und tippte auf das Manual seines PC
ein.
Am wilden Neckar
Ein Homo stand am Neckarstrand und jagte in der Sippe Land. In der Tat, er
stand. Er war ein Erectus und damit so etwas wie ein Vormensch. Zu langsam
um die Beute zu hetzen, zu klein um das Dickicht zu überschauen, zu schwach
um den Bären niederzuringen, erkannte er, dass einzig und allein seine
Chance in der Entwicklung eines logisch denkenden Hirns lag.
Mit geübtem Schwung warf er die Schlinge aus geflochtenem Mammuthaar einem
friedvoll äsenden Ur ins Gehörn, der ob des ungewohnten Zuges in das
Weidengehölz des Ufers stürmte. Verzweifelt entglitt dem Jäger das raue
Seil, seine Handflächen bluteten, so dass er mit seinem kantigen Gebiss das
Seil zu stoppen versuchte. Aber was ist eine Tonne Ur-Gewicht, gegen einen
Kiefermuskel. Da jedoch der Flachstirnige seine Beute nicht aufgeben wollte,
riss ihm der Bulle den Unterkiefer weg. Der Waidmann der Vorzeit überlebte
seine Verletzung dank der Heilkraft wilder Melisse, starb jedoch alsbald
einen qualvollen Hungertod.
Eines Tages im Jahre 1907 grub der Leimener Tagelöhner Daniel Hartmann just
an jener Stelle beim Sandschippen einen Unterkiefer aus, den sodann ein
gewisser Otto Schoettensack als präneandertaloid beschrieb. Als Homo
heidelbergensis gelangte der einstige Träger des Unterkiefers, 580 000 Jahre
nach seinem Jagdunfall zu weltweitem Ansehen.
Schon die alten Germanen
„ Es lagen die Alten Germanen zu beiden Seiten des Rheins. Sie lagen auf
Bärenhäuten und tranken immer noch eins.“ So schildert Tacitus 98 nach
Christus ein geselliges Beisammensein nahe der Neckarmündung in seiner
„Germania“. Wilde Weinreben wurden durch römische Legionäre kultiviert,
Gersten gemälzt und Bier bereitet, Honig vergoren. Wen wundert es, wenn die
Junggermanen schon von Kindesbeinen an auf Alkoholabbau getrimmt wurden, in
dem stillende Mütter den schreienden Säugling mit in Bier getauchte
Schnuller beruhigten.
Dabei war den alten Germanen trotz ihres Faibles für Komasaufen durchaus
bewusst, dass Alkohol ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit drastisch trübte:
Tacitus erzählt, dass Beschlüsse, die von einer Versammlung gefasst werden
sollten, gleich zweimal besprochen und angenommen werden mussten: Einmal im
angetrunkenen und einmal im nüchternen Zustand.
Ein Römer stand in finst’rer Nacht am deutschen Grenzwall Posten. Unter der
Thing-Linde am Neckarstrand lungerten die Chatten im Schatten herum, um ihr
Odinsjulfest mit Opferblut vom Feinde einzuweihen. Auch sie trinkfeste
Heidelberger Vorfahren. Der neuzeitige Name Hesse ist auf Chatte
zurückzuführen, was allerdings irreführend ist, da Heidelberg durch die
Geschichte der Pfalz geprägt ist. Trotzdem. Der römische Latin Lover
schmachtete über den Fluss und dachte an seinen germanischen Blondschopf,
der währenddessen, von großrahmiger Statur, nicht welsch feingliederig, mit
prallen wippenden Brüsten, empfangsbereitem Becken und strammen
Oberschenkeln, mit seinen muskulösen Oberarmen die langbeinigen Unterhosen
des Vaters und der Brüder im seichten Uferwasser wusch. Das Kleid war bis
zur Lende hochgeschürtzt und sanfte Wellen streichelten liebevoll die
milchweißen Waden. „Oh wunderbare Venus. Das Weib ist schön!“ stöhnte der
Legionär voll Sehnsucht. Im Unterholz rieb sich wohlig grunzend eine Wildsau
die Hämorriden an den knorrigen Wurzeln einer Eiche.
Da die Römer zwar mit ihren Galeeren unter Sklavenhand am Ruder das
Mittelmeer beherrschten, nicht jedoch den „wilden Neckar“, bauten sie mit
großem Pioniergeist um 100 n.Ch. bei Heidelberg die erste Brücke über den
Neckar. Und so herrschte als bald reger Verkehr, wenn die Kohorten trockenen
Fußes zu den chattischen Dörfern im Odenwald zwecks Austausch von Genen
notgeil lustwandelten.
Heidelberg und Paris
Zart gebaut doch hart gesotten, sind die Rokokokokotten.
Am 27. Mai im Jahre des Herrn 1652 zu Heidelberg schenkte Charlotte von
Hessen-Kassel einer Tochter das Leben und ihrem Mann Karl I. Ludwig von der
Pfalz von Beruf Kurfürst eine Prinzessin, notgetauft als Elisabeth Charlotte
und genannt Liselotte. 1658 trennte seine Durchlaucht sich von Charlotte um
deren ehemalige Hofdame Marie Luise zur „linken“ Hand zu ehelichen, der die
Ernennung zur Raugräfin folgte. Liselotte mochte Luise nicht, liebte jedoch
ihre Halbgeschwister, 13 Raugrafen und Raugräfinnen umso mehr. Obwohl Karl
seine Tochter zwischenzeitlich an den Hof von Hannover zu seiner Schwester
schickte, nannte er sie zärtlich „Bärenkätzchenaffengesicht“.
Aus politischen Gründen wurde 1671 der 19jährige Teenager mit dem Bruder
Ludwig XIV., Herzog Philipp I. von Orleans verheiratet. Obwohl der Gatte
sich offen als schwul zeigte, wurden aus wohl dynastischer Rücksicht mehrere
Nachkommen pflichtbewusst doch lustlos gezeugt, so dass ihr Sohn Philipp II.
später die Nachfolge des Sonnenkönigs antrat.
Eine besondere Bedeutung für die deutsche Literatur haben Liselottes
zahlreichen Briefe, insgesamt ca. 60 000, die plastische Schilderungen des
Hoflebens und derbe Zitate wie, „Weihnacht ist ein großes Fest, das der
Teufel feiern lässt“, enthalten. Den Sonnenkönig verwöhnte sie mit
Spezialitäten aus der Pfalz, wie Leberwürsten und saurem Hering. Bei den
Hofdamen setzte sie das Tragen wollener Unterwäsche durch. Die grausame
Pfälzerin peinigte freiherzige und seideverwöhnte Pariser Kokotten.
Im Pfälzischen Erbfolgekrieg eroberte und verwüstete die französische Armee
Ludwig XIV. die Pfalz und zerstörte unter General Mélac das Heidelberger
Schloss. In der Altstadt mähte der Tod. Liselotte litt sehr unter den
Verwüstungen, die in ihrer Heimat unter ihrem Namen vorgenommen wurden. „Das
macht mir das Herz bluten...“ . Am 8. Dezember 1722 in Saint Cloud bei Paris
gab die Siebzigjährige den Löffel aus der Hand und ihr Leben dem großen
Seelenfischer.
Warum nicht ? Perché no? Na klar doch!
Zwei Jahre zuvor hatte der pfälzische Kurfürst Karl III. Philipp im Tiroler
Salurn Clemens Pankert kennengelernt, der an Pseudoachondroplasie litt. Zur
Belustigung des Hofes ob dieser „Zwergenhaftigkeit“ nahm er ihn nach
Heidelberg mit. Sein Künstlername leitet sich aus der Frage ab, ob er noch
ein Glas Wein trinken wolle und er antwortete „ perché no“, warum nicht.
Darauf hin soll seine Durchlaucht gesagt haben: „ Du sollst Perkeo heißen“.
An barocken Höfen herrschten rustikale Traditionen. Der Prokopfverbrauch an
Bier lag bei 600 l im Jahr, heute sind es nur noch 110 l.
Zeitgenossen berichten: „ Solche Biertrinker sind es, dass man ihnen etwa
mit Kannen nicht genug zutragen mag, sie setzen vielmehr einen Melkeimer auf
den Tisch, darin ist eine Schüssel. Wer Durst hat der trinkt, ja, sie saufen
einander daraus zu. Das Bier ist sehr gut, doch keine Kuh könnte so viel
trinken, wie eines dieser Säue“. Also Mannen und Gesinde bekamen Bier, die
Blaublütigen wurden vom Wein blau.
Perkeo war für seinen ausgeprägten Weinkonsum bekannt. Angeblich trank er an
einem Tag 20 bis 30 l Wein. Doch war diese Leistung eher untertrieben. Nach
Berichten aus gut unterrichteten Kreisen, leerte er das große Lagerfass mit
221.726 l „rheinschem“ Malvasier in 15 Jahren. Das entspricht einem
Tagesbedarf von etwa 40 l. Chapeau! Mediziner erklären das mit dem Fehlen
des ADH, eines antidiuretischen Hormons, was zu stark konzentriertem Urin
führt und die Nierentubuli permanent um Verdünnungsflüssigkeit bitten lässt.
Die Qualität des Weines ist zweifelhaft. Mit Sicherheit war es kein
Malvasier, ein zu jener Zeit hoch geschätzter und somit teurer Südwein, der
auch nicht im Rhein-Neckargebiet wächst. Vielmehr enthielt das Fass
Zehntwein, also die öchsleschwache und sauere Abgabe der Neckarwinzer an den
Hof des Fürsten.
War auch sein Arbeitsplatz im Keller stichdunkel, so strahlte ihm inneres
Licht, was allerdings nicht darauf schließen lässt, dass er sich vom
Christentum ab und dem Buddhismus zu gekehrt hätte. Jedenfalls, er trank und
murrte nicht.
Der rüstige Hofmeister und Mundschenk wurde in seinem achten Lebensjahrzehnt
erstmals krank. Ein Arzt riet ihm dringlich vom Weingenuss ab und empfahl,
Wasser zu trinken. Trotz großer Skepsis und Furcht nahm Perkeo diesen Rat an
und verstarb am Folgetag. Dem Erleuchteten erlosch das Lebenslicht an
Alkoholmangel.
Adé !
Adé nun zur guten Nacht, jetzt wird der Schluss gemacht. Klaus Paul fuhr den
PC herunter, leerte den Rest der Flasche in seinen „Römer“ und widmete
seinen letzten Schluck Heidelberger Trollinger dem Bundesbarden Werner
Möbius. Perché no!
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