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Der dieser
Tage nach dem Aufwachen übliche Blick aus dem Fenster führte zu dem
befürchteten Ergebnis: Sonne? Wärme? Vergiss es! Unser Wetter ist nicht
mehr in Ordnung! Der rücksichtslose Gebrauch von Spraydosen… und so
weiter. Höret zum Beweis aus dem 793. Song von Udo Jürgens an seine
Jünger: „Der Urwald macht schlapp / die Gletscher haun ab / und
schlimmer noch / bald wird der Kaviar knapp.“
Gerd Weber,
mein Zimmergenosse im Landhotel Radeweger Hof am Beetzsee, ist schon
seit längerer Zeit munter, frisch geduscht und gerade dabei, seine
Krawatte zu drechseln. Das sang einst Otto Reutter, weil sich drechseln
auf wechseln reimt. Oder wusste er gar, dass dem Binden der einschlägig
bekannten ARG-Krawatte das fachmännische Drehen einer Baby-Windel voraus
geht?
Um an dieser
Stelle gleich mal ein Missverständnis auszuräumen: Ich trage nachts
keine Brille mit Außenspiegel. Die meisten vermuteten wohl, ich täte
dies, um mich im Bett nicht umdrehen zu müssen. Totaler Quatsch, wie
Herr Wolf, unser Hotelwirt, sagen würde.
Erst mal
duschen. Das reinste Vergnügen mit dem
Radeweger-Landhotel-Spezial-Durchlauferhitzer, d.h. entweder
unerträglich heiß oder kalt und dann im automatischen Wechsel zwischen
diesen beiden Extremen. Am Abend des heutigen Tages – um das vorweg zu
nehmen – wird uns unser Wirt die Technik erklären und Anweisungen zur
filigranen Bedienung geben. Die von mir und einigen Kameraden
notgedrungen gewählte Schalterstellung auf römisch 1 (gleichmäßig
lauwarm mit stark vermindertem Wasserdruck) wird als totaler Quatsch
gewürdigt.
Nach den
anderen Verrichtungen heißt es, die geeignete Ruderkleidung zusammen zu
stellen. Kein einfaches Unterfangen bei diesen Wetterverhältnissen. Auch
Gerd Weber erwartet von mir Hinweise zu diesem Tagesordnungspunkt. Er
ist noch mit seiner Krawatte beschäftigt, da der Knoten noch nicht die
ARG-übliche Form aufweist.
Wir sind dann
schon – wie jeden Morgen – eine Viertelstunde vor der verabredeten Zeit
am Frühstücksbuffet aufmarschiert, um Buffet-Raritäten einzusammeln und
Zeit für die Müslivorbereitungen zu gewinnen. Insbesondere das
Kleinschneiden des Müsli-Apfels (unser beider Leitspruch ist nun mal: an
apple a day…) mit den stumpfen Messern aus vergangenen Zeiten erforderte
Geduld. Klaus Bölke, der seine Schrippen stets mit Messer und Gabel zu
essen pflegt, bekam dafür jeden Morgen das rasiermesserscharfe
Fahrtenmesser von Bernd Krüger zusammen mit einem Streifen Hansaplast
geliehen.
Das
Schokoladenfläschchen Asbach Uralt auf unseren Tellern signalisierte
uns: Holla, heute Vatertag. Das Dumme ist nur, dass es zu den seltsamen
Phänomenen unserer Zeit gehört, vom Neuprobst Manfred Metz just an
diesem Tag zum Chronisten bestellt zu werden, ohne dass ich mich diesem
Job jemals angedient hätte.
Der
oberschlaue Spitz- und Querdenker und nun auch noch Chronist zählte an
diesem Morgen neben dem Bund der Steuerzahler und ATTAC wieder einmal zu
den zahlreichen Nervensägen des öffentlichen Lebens und fragte
Oberstudienrat und Französisch-Spezialisten Jörg Goldbeck erfolglos nach
der Übersetzung für „Muschelrauschen“. Hä? Da nimmt es nicht wunder,
dass dieser – für den Vormittag auch noch zum Landdienst verdammt – noch
einmal Kaninchenwerder-Umfahrt anstelle des direkten Heimwegs von den
Aktiven forderte. Wenn auch ebenfalls erfolglos.
Abfahrt der
Autokarawane nach Wusterwitz um 8 Uhr 30. Die Wirtin kommt uns noch mit
einer Information hinterher gerannt: Das vatertägliche Grillen müsse
leider ausfallen. Wir werden beim Abendessen nur zu 8 sein, da uns
Manfred Scheer und Jörg Goldbeck vorher verlassen, und das sei zu wenig
für die geplanten zahllosen Salate-Schüsseln. Schade, aber nicht zu
ändern. Manfred Scheer will verständlicherweise seinen 70. mit der
Familie nachfeiern und Jörg muss ehrenamtlichen Aufgaben nachkommen,
will aber am Freitagabend wieder zu uns stoßen.
Rund 40
Ruderkilometer lagen vor uns. Start am Wasserwanderrastplatz Großer
Wusterwitzer See. Nachdem wir nicht mehr – wie am Vortag – zur Erfüllung
des Kilometer-Pensums am gesamten See-Ufer entlang rudern mussten,
wechselten wir direkt durch einen schmalen Kanal in den Wendsee, dem
sich der Plauer See anschließt. Dort ließen wir Kienwerder und
Kanincheninsel mitsamt dem Möserschen See auf Steuerbord liegen und
fuhren direkt an Buhnenwerder vorbei auf dem kürzesten Weg zur Einfahrt
in die Havel.
Wir setzten im
Gungnir erfolgreich alles daran, bis zur ersten kurzen Pause beim
Brandenburger Kanuverein „Freie Wasserfreunde“ nicht von einigen
Herrenpartie-Motor-Booten überholt zu werden. Sie folgten uns auf den
Fersen, und von ihren Insassen schienen einige – nach den herüber
schallenden Liedern zu urteilen – bereits hackedicht zu sein.
Nach der Pause
waren schon bald die Stadtschleuse Brandenburg erreicht, die freundliche
Schleusenwärterin, die wir bereits von der Schleusung auf der Hinfahrt
her kannten, gegrüßt und der schwankende Gungnir sowie der bräsige
Fasolt durchgeschleust. Auch auf die Gefahr hin, als Nestbeschmutzer
beschimpft zu werden: Gungnir machte nach meinem Empfinden keine gute
Figur in der Schleuse. Mein Schlagmann Frieder Busch gab allerdings
frecherweise meinem ängstlichen Wackelhintern die Schuld.
Weiter ging es
zum Camping-Yachthafen Eder und zur Mittagspause. Kurz davor überholten
wir nette Kanuten, von denen einer direkt vor unseren Augen ins Wasser
plumpste, als er der einzigen teilnehmenden jungen Frau einen
Vatertags-unüblichen Auerhahntanz mit seinem Kanu vorführen wollte. Das
misslungene Kabinettstückchen hatte dann später auf dem Campingplatz
immerhin zur Folge, dass sie ihn in den Waschraum begleitete, um ihm
dort die Schuhe zu föhnen, während wir uns mit den zur Mittagszeit
üblichen 4.000 Kilokalorien ergänzt um einige Handvoll Studentenfutter
begnügen mussten.
Es war rein
wettermäßig betrachtet nicht sehr gemütlich, so dass wir bald zu unserer
letzten Tagesetappe aufbrachen. Am frühen Nachmittag erreichten wir das
Tagesziel, den Wasserwanderrastplatz Trebelsee bei Havelkilometer 39.
Zum Aussteigen in dem kleinen natürlichen Hafen bot sich ein kleiner
Landvorsprung an, der quasi einen grasbewachsenen natürlichen Steg
darstellte und den Bootsinsassen nacheinander das Aussteigen aus dem
Boot mit trockenen Füßen erlaubte. Immer eine wackelige Sache,
insbesondere für den als letzten aussteigenden Steuermann des Vierers.
Aber alles ging noch mal gut.
Eine
Vatertags-Partie mit selbstgebautem Floß war schon anwesend und gerade
dabei, Holz von den Wänden einer nahestehenden Laube zu lösen und einem
Scheiterhaufen zuzuführen. Wir dachten kurz daran, ihnen freiwillig die
havarierte und nur notdürftig geflickte Fasolt zur Verbrennung
anzudienen, damit sie wenigstens den Gungnir in Ruhe lassen würden. Aber
sie machten einen friedlichen und netten Eindruck, so dass wir die
Fasolt nicht opfern mussten, sondern für einen Bundesbruder aufheben
konnten, der schon mehrfach den Wunsch geäußert hat, aus nicht mehr
ruderfähigen Booten einen Eissegler basteln zu dürfen.
Auf der
Rückfahrt nach Radewege habe ich geschlafen. Es soll aber nichts
passiert sein, über das zu berichten wäre.
Nachdem wir
unseren Durst mit einem frischgezapften Bier gelöscht hatten, beklagte
der Wirt das schlechte Vatertags-Geschäft. Abgesehen vom schlechten
Wetter hätten heutzutage alle ihre Stullen und Thermos-Kannen auf den
Vatertags-Ausflügen mit dabei. Es lohnte sich nicht einmal, die noch aus
DDR-Zeiten stammende Softeis-Maschine anzuwerfen. Und so kamen auch wir
nicht in den Genuss des angeblich seit mehr als 25 Jahren besten
Softeises von ganz Deutschland. Zu DDR-Zeiten sollen übrigens die Sorten
Banane und Erdbeere die Favoriten gewesen sein. Das Bananeneis wurde aus
echten Bananen hergestellt und nicht etwa mit Produkten aus Schkopau.
Ohne Quatsch! Wie uns der Softeis-Konditor erklärte, lag das Geheimnis
darin, vergammelte und eigentlich in die Tonne gehörende Bananen tief zu
gefrieren, um dadurch ein Aroma ohne Gleichen zu erhalten. Das ist so
genial wie die Erfindung der Butterstulle, die beim Herunterfallen immer
auf die nicht bestrichene Seite fällt.
„Und was ist
beim Softeis mit den viel beschworenen Salmonellen?“ hinterfragte der
Chronist noch listig. Die Antwort lautete – wie könnte es anders sein:
„Totaler Quatsch!“
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