Chronik vom 13.05.2010

Chronist: Hans Jäh

 

 
   

 

Der dieser Tage nach dem Aufwachen übliche Blick aus dem Fenster führte zu dem befürchteten Ergebnis: Sonne? Wärme? Vergiss es! Unser Wetter ist nicht mehr in Ordnung! Der rücksichtslose Gebrauch von Spraydosen… und so weiter. Höret zum Beweis aus dem 793. Song von Udo Jürgens an seine Jünger: „Der Urwald macht schlapp / die Gletscher haun ab / und schlimmer noch / bald wird der Kaviar knapp.“

 

Gerd Weber, mein Zimmergenosse im Landhotel Radeweger Hof am Beetzsee, ist schon seit längerer Zeit munter, frisch geduscht und gerade dabei, seine Krawatte zu drechseln. Das sang einst Otto Reutter, weil sich drechseln auf wechseln reimt. Oder wusste er gar, dass dem Binden der einschlägig bekannten ARG-Krawatte das fachmännische Drehen einer Baby-Windel voraus geht?

 

Um an dieser Stelle gleich mal ein Missverständnis auszuräumen: Ich trage nachts keine Brille mit Außenspiegel. Die meisten vermuteten wohl, ich täte dies, um mich im Bett nicht umdrehen zu müssen. Totaler Quatsch, wie Herr Wolf, unser Hotelwirt, sagen würde.

 

Erst mal duschen. Das reinste Vergnügen mit dem Radeweger-Landhotel-Spezial-Durchlauferhitzer, d.h. entweder unerträglich heiß oder kalt und dann im automatischen Wechsel zwischen diesen beiden Extremen. Am Abend des heutigen Tages – um das vorweg zu nehmen – wird uns unser Wirt die Technik erklären und Anweisungen zur filigranen Bedienung geben. Die von mir und einigen Kameraden notgedrungen gewählte Schalterstellung auf römisch 1 (gleichmäßig lauwarm mit stark vermindertem Wasserdruck) wird als totaler Quatsch gewürdigt.

 

Nach den anderen Verrichtungen heißt es, die geeignete Ruderkleidung zusammen zu stellen. Kein einfaches Unterfangen bei diesen Wetterverhältnissen. Auch Gerd Weber erwartet von mir Hinweise zu diesem Tagesordnungspunkt. Er ist noch mit seiner Krawatte beschäftigt, da der Knoten noch nicht die ARG-übliche Form aufweist.

 

Wir sind dann schon – wie jeden Morgen – eine Viertelstunde vor der verabredeten Zeit am Frühstücksbuffet aufmarschiert, um Buffet-Raritäten einzusammeln und Zeit für die Müslivorbereitungen zu gewinnen. Insbesondere das Kleinschneiden des Müsli-Apfels (unser beider Leitspruch ist nun mal: an apple a day…) mit den stumpfen Messern aus vergangenen Zeiten erforderte Geduld. Klaus Bölke, der seine Schrippen stets mit Messer und Gabel zu essen pflegt, bekam dafür jeden Morgen das rasiermesserscharfe Fahrtenmesser von Bernd Krüger zusammen mit einem Streifen Hansaplast geliehen.

 

Das Schokoladenfläschchen Asbach Uralt auf unseren Tellern signalisierte uns: Holla, heute Vatertag. Das Dumme ist nur, dass es zu den seltsamen Phänomenen unserer Zeit gehört, vom Neuprobst Manfred Metz just an diesem Tag zum Chronisten bestellt zu werden, ohne dass ich mich diesem Job jemals angedient hätte.

 

Der oberschlaue Spitz- und Querdenker und nun auch noch Chronist zählte an diesem Morgen neben dem Bund der Steuerzahler und ATTAC wieder einmal zu den zahlreichen Nervensägen des öffentlichen Lebens und fragte Oberstudienrat und Französisch-Spezialisten Jörg Goldbeck erfolglos nach der Übersetzung für „Muschelrauschen“. Hä? Da nimmt es nicht wunder, dass dieser – für den Vormittag auch noch zum Landdienst verdammt – noch einmal Kaninchenwerder-Umfahrt anstelle des direkten Heimwegs von den Aktiven forderte. Wenn auch ebenfalls erfolglos.

 

Abfahrt der Autokarawane nach Wusterwitz um 8 Uhr 30. Die Wirtin kommt uns noch mit einer Information hinterher gerannt: Das vatertägliche Grillen müsse leider ausfallen. Wir werden beim Abendessen nur zu 8 sein, da uns Manfred Scheer und Jörg Goldbeck vorher verlassen, und das sei zu wenig für die geplanten zahllosen Salate-Schüsseln. Schade, aber nicht zu ändern. Manfred Scheer will verständlicherweise seinen 70. mit der Familie nachfeiern und Jörg muss ehrenamtlichen Aufgaben nachkommen, will aber am Freitagabend wieder zu uns stoßen.

 

Rund 40 Ruderkilometer lagen vor uns. Start am Wasserwanderrastplatz Großer Wusterwitzer See. Nachdem wir nicht mehr – wie am Vortag – zur Erfüllung des Kilometer-Pensums am gesamten See-Ufer entlang rudern mussten, wechselten wir direkt durch einen schmalen Kanal in den Wendsee, dem sich der Plauer See anschließt. Dort ließen wir Kienwerder und Kanincheninsel mitsamt dem Möserschen See auf Steuerbord liegen und fuhren direkt an Buhnenwerder vorbei auf dem kürzesten Weg zur Einfahrt in die Havel.

 

Wir setzten im Gungnir erfolgreich alles daran, bis zur ersten kurzen Pause beim Brandenburger Kanuverein „Freie Wasserfreunde“ nicht von einigen Herrenpartie-Motor-Booten überholt zu werden. Sie folgten uns auf den Fersen, und von ihren Insassen schienen einige – nach den herüber schallenden Liedern zu urteilen – bereits hackedicht zu sein.

 

Nach der Pause waren schon bald die Stadtschleuse Brandenburg erreicht, die freundliche Schleusenwärterin, die wir bereits von der Schleusung auf der Hinfahrt her kannten, gegrüßt und der schwankende Gungnir sowie der bräsige Fasolt durchgeschleust. Auch auf die Gefahr hin, als Nestbeschmutzer beschimpft zu werden: Gungnir machte nach meinem Empfinden keine gute Figur in der Schleuse. Mein Schlagmann Frieder Busch gab allerdings frecherweise meinem ängstlichen Wackelhintern die Schuld.

 

Weiter ging es zum Camping-Yachthafen Eder und zur Mittagspause. Kurz davor überholten wir nette Kanuten, von denen einer direkt vor unseren Augen ins Wasser plumpste, als er der einzigen teilnehmenden jungen Frau einen Vatertags-unüblichen Auerhahntanz mit seinem Kanu vorführen wollte. Das misslungene Kabinettstückchen hatte dann später auf dem Campingplatz immerhin zur Folge, dass sie ihn in den Waschraum begleitete, um ihm dort die Schuhe zu föhnen, während wir uns mit den zur Mittagszeit üblichen 4.000 Kilokalorien ergänzt um einige Handvoll Studentenfutter begnügen mussten.

 

Es war rein wettermäßig betrachtet nicht sehr gemütlich, so dass wir bald zu unserer letzten Tagesetappe aufbrachen. Am frühen Nachmittag erreichten wir das Tagesziel, den Wasserwanderrastplatz Trebelsee bei Havelkilometer 39. Zum Aussteigen in dem kleinen natürlichen Hafen bot sich ein kleiner Landvorsprung an, der quasi einen grasbewachsenen natürlichen Steg darstellte und den Bootsinsassen nacheinander das Aussteigen aus dem Boot mit trockenen Füßen erlaubte. Immer eine wackelige Sache, insbesondere für den als letzten aussteigenden Steuermann des Vierers. Aber alles ging noch mal gut.

 

Eine Vatertags-Partie mit selbstgebautem Floß war schon anwesend und gerade dabei, Holz von den Wänden einer nahestehenden Laube zu lösen und einem Scheiterhaufen zuzuführen. Wir dachten kurz daran, ihnen freiwillig die havarierte und nur notdürftig geflickte Fasolt zur Verbrennung anzudienen, damit sie wenigstens den Gungnir in Ruhe lassen würden. Aber sie machten einen friedlichen und netten Eindruck, so dass wir die Fasolt nicht opfern mussten, sondern für einen Bundesbruder aufheben konnten, der schon mehrfach den Wunsch geäußert hat, aus nicht mehr ruderfähigen Booten einen Eissegler basteln zu dürfen.

 

Auf der Rückfahrt nach Radewege habe ich geschlafen. Es soll aber nichts passiert sein, über das zu berichten wäre.

 

Nachdem wir unseren Durst mit einem frischgezapften Bier gelöscht hatten, beklagte  der Wirt das schlechte Vatertags-Geschäft. Abgesehen vom schlechten Wetter hätten heutzutage alle ihre Stullen und Thermos-Kannen auf den Vatertags-Ausflügen mit dabei. Es lohnte sich nicht einmal, die noch aus DDR-Zeiten stammende Softeis-Maschine anzuwerfen. Und so kamen auch wir nicht in den Genuss des angeblich seit mehr als 25 Jahren besten Softeises von ganz Deutschland. Zu DDR-Zeiten sollen übrigens die Sorten Banane und Erdbeere die Favoriten gewesen sein. Das Bananeneis wurde aus echten Bananen hergestellt und nicht etwa mit Produkten aus Schkopau. Ohne Quatsch! Wie uns der Softeis-Konditor erklärte, lag das Geheimnis darin, vergammelte und eigentlich in die Tonne gehörende Bananen tief zu gefrieren, um dadurch ein Aroma ohne Gleichen zu erhalten. Das ist so genial wie die Erfindung der Butterstulle, die beim Herunterfallen immer auf die nicht bestrichene Seite fällt.

 

„Und was ist beim Softeis mit den viel beschworenen Salmonellen?“ hinterfragte der Chronist noch listig. Die Antwort lautete – wie könnte es anders sein: „Totaler Quatsch!“

 
 

Wanderfahrt 2010- Übersicht