| Teil 5 der permanenten Wanderfahrt unserer Mygg im Jahre 2007 | |||
| Chronist: Thomas Sciborski | |||
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Endlich hatte sich eine Mannschaft
gefunden, um die Liegegebühren für die Mygg in Garwitz nicht weiter in
exorbitante Höhen steigen zu lassen und zur 5. Etappe zu starten. Als ich
gegen 07.40 mein Domizil verließ und aufs Fahrrad stieg, stieg auch die
Vorfreude aufs Rudern gleich ungemein: Der Wetterbericht hatte mal wieder
unerbittlich Recht: Die für den ganzen Tag angekündigten örtlichen
leichten Schauer trafen mich gleich mit voller Wucht. Es erwarteten mich
am Bootshaus die Bundesbrüder Bernd Krüger, Hans Jäh und Berndt Wittjen,
und wir konnten ziemlich pünktlich kurz nach 8 Uhr Richtung Mecklenburg
starten. Unterwegs kam während der 2-stündigen Autobahnfahrt keine
Langeweile auf. Hans tischte uns einige juristische Delikatessen aus dem
Wirkungskreis eines alten Schulfreundes auf, mit dem er neulich essen war,
und ich bekam im Laufe unserer sich daran anschließenden
wirtschaftspolitischen Diskussionen interessante Einblicke in das aktuell
herrschende kapitalistische System. Teilweise sind dies immer wieder
erschütternde Einblicke, wenn man so wie ich eher den Sozialismus mit
menschlichem Antlitz des öffentlichen Dienstes gewohnt ist. Kurz vor
Ankunft in Garwitz mussten wir uns noch eine Strategie zurechtlegen, um
die Liegegebühren runter zu handeln. Wir kalkulierten, dass die Mygg jetzt
ca. 4 Wochen auf Reede lag und ca. 50 € fällig wären. Bernd meinte, er
wolle es mal mit 10 € versuchen, Hans und ich gaben zu bedenken, dass 20 €
angemessen wären, auch wenn dies immerhin mal 40 DM waren. Mal schauen,
vielleicht würde ja der Trick mit den armen alten Rentnern ziehen. Die Mygg fanden wir wohlbehalten, wenn auch vom Rasen Mähen etwas begrünt wieder. Während wir sie ruderklar machten, bewies Bernd als Landkommando Nr. 1 sein Verhandlungsgeschick. Mit dem Verweis auf den labilen Gesundheitszustand der armen alten Rentner, der eine Weiterfahrt nicht eher zugelassen hätte, schaffte er es den Hafenmeister von 42 (= 3 Wochen Liegezeit) auf 20 € zu drücken. Gegen 10.30 Uhr ging ´s los, auf Schlag Berndt, auf 2 ich und auf 1 als Kommandant Hans, um erst mal fast 1 Stunde mit der Schleusung durch die Schleuse Garwitz zu verbringen. Für mich war dies eine Premiere und entsprechend spannend. Vor uns lief als großes Boot die Else Louise aus Jochaimsthal (sprich nicht: Joachim stahl) ein, um die zu erwartenden Wellen aufzufangen. Hans machte mir viel Angst mit seinen Erzählungen bisheriger Schleusungsabenteuer, wie das Boot sich verkanten und verhaken könnte, aber hier lief alles ganz harmlos ab. Auch konnten wir der Klemmgefahr entgehen, vor der auf einem Schild gewarnt wurde (Achtung Klemmgefahr! Boote mit einer Breite von 3 Metern dürfen nicht nebeneinander liegen), denn wir wurden ja berggeschleust. Dabei fragten wir uns, warum die Schleuse Garwitz wohl mit schrägen, sich zum Grund hin verjüngenden Seitenwänden gebaut war, ohne allerdings zu einer plausiblen Antwort zu kommen. Kurz hinter der Schleuse ließ uns die Else Louise passieren, und wir konnten uns frohgemut in die Skulls legen. Wir hatten Schiebewind, keinen Regen und angenehme 18 Grad. Die Müritz-Elde-Wasserstraße (MEW) ist kein Kanal, wie ich erst gedacht hatte, sondern das Flüsschen Elde ist mal irgendwann schiffbar gemacht worden, um Getreide und Rüben zur Elbe zu transportieren, wie mir der Schleusenwärter bei unserem heutigen Tagesziel in Bobzin erzählte. Lastkähne fahren hier heutzutage nicht mehr, weil sich ’s nicht mehr lohnt, so dass die MEW eine der Touristenattraktionen von Meckpomm ist. Hobbykapitäne können sich ein Motorboot mieten und ohne Führerschein hier herumschippern.
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Die MEW ist also kein langweiliger
kerzengrader Kanal mit Spundwänden back- und steuerbord, sondern ein sich
in vielen Biegungen schlängelnder Fluss mit reicher Ufervegetation in Form
von Schilf und gemeinem Pfeilkraut. In mancher Biegung wird es beim
Passieren Elde abwärts fahrender Hobbykapitäne ein bisschen eng. Zwischen
Garwitz und Parchim, dem heutigen 1. Wechsel, sehe ich einen
Wasserwanderrastplatz, von denen es an der MEW in regelmäßigen Abständen
immer wieder welche gibt. Ich lasse mir dieses Wort 2 bis 3 Male auf der
Zunge zergehen und denke mir bei diesem dreifüßigen Trochäus in fast
vollendeter Vokalharmonie, wie reich und erfinderisch die deutsche Sprache
doch sein kann (siehe auch: Handy, Computer, Lap-Top usw.). Auf halber Strecke erwartete uns Bb Bernd auf einer Brücke, um ein Foto zu schießen. Er bemerkte, dass man uns schon von Weitem höre. Dies musste wohl an den Geschichten aus der eiskalten Welt des Frühkapitalismus liegen, die Hans, noch inspiriert von der Hinfahrt, zum Besten gab.
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| Er erzählte von einem kurzfristigen ehemaligen Kollegen, der sich auf dem Weg zur Arbeit am Bahnhof Friedrichstraße in der warmen guten Stube des Sozialismus namens Intershop tagtäglich mit 2 Flachmännern ausstattete. An der Arbeit angekommen spielte er dann simultan mit 5 Kollegen Schach und verbesserte außerdem das geografische Weltwissen seiner Kollegen, indem er sie motivierte auf der in seinem Büro aufgehängten Weltkarte Städte wie z.B. Irkutsk oder Dnjepropetrowsk ausfindig zu machen. Dies konnte natürlich nicht lange gut gehen. Von seinem ehemaligen Kollegen dermaßen inspiriert fragte Hans mich nach der Hauptstadt von Estland. Da war er natürlich bei mir als Slawisten und Oberlehrer genau richtig, und ich konnte somit bei dieser Gelegenheit auch gleich bei Hans eine Wissenslücke schließen, indem ich ihn belehrte, dass Tallinn früher als deutsche Hansestadt Reval hieß. Auch bei Burkina Faso (ehemals Obervolta ohne Raketen) und Kyrgyzstan konnte ich ihm weiterhelfen. Demnächst frage ich ihn mal nach der Hauptstadt von Burjatien, wo Bb Klaus Niemsch die Burjaten zur Zeit vom Wodka zum Bier umschulen will. Kurz vor Erreichen der 1. Wechselstation kam bei der frohgemuten Plauderei kurz Hektik auf. In einer Kurve tauchte plötzlich ein Hobbykapitän in der Flussmitte mit ziemlich schneller Fahrt in Hans’ Rückspiegeln auf. Wir mussten ganz schön rudern um auszuweichen. Vor der Schleuse in Parchim gab es einen schnellen Wechsel von Hans zu Bernd auf der 1. Die Schleuse zeigte nämlich grün. Eigentlich hatte ich mich auf meine 2 Schimmelkäsebrötchen gefreut, die in einem meiner Säcke im Auto lagen, aber diese zu holen war jetzt keine Zeit. Die nächsten 12 km bis zur Schleuse Neuburg lotste uns Bernd auch ohne Rückspiegel souverän durch die Biegungen der Elde an den entgegen kommenden Hobbykapitänen vorbei, die uns meistens sehr freundlich grüßten. Hin und wieder mussten wir von den Skulls manches Gestrüpp entfernen, aber es ging zügig voran, und wir konnten direkt bei Grün in die Schleuse Neuburg einfahren. Ich hatte einen furchtbaren Hunger, so dass sich Berndt erbarmte und mir eine Tüte Nüsse spendierte. In der Schleuse befanden sich noch 2 Kanuten, deren Kanus so ähnlich bepackt waren, wie mein Fahrrad auf großer Tour. Nach anfänglichem Misstrauen kam Bernd mit dem älteren der beiden Kanuten ins Gespräch. Es handelte sich um Bayern aus Deggendorf. Nachdem Bernd erwähnt hatte, dass wir auch schon einmal im Deggendorfer Ruder- und Kanuverein zu Gast waren, war das Eis endgültig gebrochen, und der Ältere fing an zu erzählen. Sie waren auf Tour von Potsdam über die Havel, Elbe, MEW zurück über die Havel nach Berlin. Er erzählte von einer Tour nach Schweden mit den dortigen Bierbeschaffungsproblemen (Alternativgetränk: Tee mit Rum), und er beschwerte sich über die Rücksichtslosigkeit mancher Hobbykapitäne. Sie wollten noch 6 km bis zum nächsten Wasserwanderrastplatz paddeln. Nach der Schleusung wechselte Hans für Berndt auf die 3. Ich holte mir aus dem Auto meine beiden Brötchen und, nachdem ich meine Apfelschorle ausgetrunken hatte, eine Flasche meines Alternativgetränks, Multivitaminsaftschorle, was mir zunächst kein Mensch glaubte, da es allgemein für Rotweinschorle gehalten wurde. Niemand wollte sich aber auf das Wagnis einer Probe aufs Exempel einlassen. Die nächsten 12 km lotste uns Bernd über überwiegend gerade Streckenabschnitte nach Lübz. Einmal wurde es ein bisschen sehr eng, als ein Hobbykapitän partout nicht Platz machen wollte oder konnte. Dafür grüßten er und seine Frau aber ganz freundlich. Von den Hauptstädten kamen wir bei unseren Unterhaltungen zu unseren kulinarischen Vorlieben, wobei wir mal wieder feststellen konnten, dass die Liebe durch den Magen geht, und dieser ein wichtiger Garant für eine glückliche Ehe sein kann (Bernds Frau macht seit 40 Jahren die besten Buletten), denn mittlerweile war es schon nach 15 Uhr und in Neuburg hatte es weit und breit keine Restauration gegeben. Danach unterhielten wir uns über unsere Vorlieben beim Verreisen. Der eine mag Portugal und Madeira, der andere lieber Tunesien. Ich gab eine Geschichte von einer Urzeiten zurückliegenden Ägypten-Reise zum Besten. Meine Kumpels und ich hatten seinerzeit in Ägypten 4 Italienerinnen - Studentinnen der Arabistik - kennen gelernt, mit denen wir ein paar Wochen durch das Land tourten. Wenn ich mit einem der Mädels auf dem Markt war, wurden sie von den Händlern jedes Mal gefragt, ob wir verheiratet wären. Dies hatten die Mädels jedes Mal sofort bejaht, um nicht sogleich mit eindeutigen Angeboten in ägyptischen Pfund drangsaliert zu werden. So war ich halt abwechselnd der Ehemann von Ornella, Patrizia, Adele und Francesca. Vielleicht könnte man ja mal eine Wanderfahrt vom letzten Katarakt in Assuan nach Kairo machen. Die 15 km nach Lübz schafften wir bis 16.30 Uhr, als es gerade kurz zu regnen anfing. - Was nun?, stellte sich um diese Uhrzeit diese Frage. Bb Berndt als Landkommando hatte sich in Lübz nach einem Liegeplatz umgesehen. Diesen hätte es gegen Gebühr in einer Marina auch gegeben. Wir beschlossen erst mal essen zu gehen. Da in "Zur Schleuse" die Küche kalt war, gingen wir "Zum Alten Amtsthurm". Hier kamen Erinnerungen an eine Herberge in der Nähe mit sehr resoluter Herbergsmutter während einer früheren Wanderfahrt auf. Es wurden Schnitzel XL und XXL, die hier Otto und Albrecht oder so ähnlich heißen, und Holzfällersteaks mit sehr deftigen Bratkartoffeln bestellt. Wie üblich, wenn ich im goldenen Osten bin, bestellte ich mir als Vorspeise erst mal eine Soljanka. Zur Info für unseren Bundesbruder Klaus Niemsch: Da ich als letztes Landkommando anschließend nicht mehr ins Boot musste und in Lübz war, trank ich 2 Lübzer. Hans fotografierte das Gemälde an der Wand, weil er es nicht abmontieren konnte, um so dem Maler des kleinen Mädchens mit den Brustwickeln auf die Spur zu kommen. Wir sind alle sehr gespannt auf den Namen des Künstlers. Nebenbei beschlossen wir noch ein bisschen weiter zu rudern, um einen passenderen Liegeplatz zu finden. Die Schleuse in Lübz wurde von
einer freundlichen Schleusenwärterin bedient, die Hans und die 2 Bernd(t)s
zur Weiterfahrt bergschleuste. Bis zur nächsten Schleuse nach Bobzin waren
es nur 5 Kilometer. Ich musste mich also sputen. Zum ersten Mal fuhr ich
mit GPS und hätte fast den Abzweig nach Bobzin verpasst, denn ich schaute
mehr auf das Display, weniger auf die Hinweisschilder, und die Stimme der
netten Dame hörte ich nicht, denn ich hatte Musik an. Ich erkundigte mich
bei netten Menschen an der Schleuse nach Campingplätzen bzw. Kanu-
und/oder Rudervereinen in der Nähe. 5 km weiter in Kuppentin gab es einen
Campingplatz. Der Schleusenwärter erklärte mir, dass es in Kuppentin auch
eine Marina gäbe, die allerdings bestimmt Liegegebühr koste. Vor der
nächsten Schleuse in Barkow nach 9 km gäbe es einen Paddelbootverleih, wo
man garantiert auch ein Boot lagern könne Als ich ihm sagte, dass unser
Ruderboot demnächst eintreffen müsste, sagte er, dass er dies schon wisse,
weil seine Kollegin in Lübz ihn angerufen hätte. Demzufolge war die
Schleuse zum Bergschleusen bereit. Ich plauschte noch ein bisschen mit dem
Schleusenwärter, der mir erzählte, dass die Schleusentore noch die
Originale von 1924 wären. Die Dichtungen müssten halt ab und zu mal
gewechselt werden. Die Höhe der Schleuse beträgt 6,90 Meter. Und schon war
die Mygg in Sicht. Beim Schleusen fragte eine Gruppe Spaziergänger mit
Bierflaschen am Mann: - Die Schleuse steht unter Denkmalschutz, euer Boot
auch? Daraufhin Berndt: Auf der Rückfahrt machten Hans und ich auf der Rückbank die meiste Zeit Heiabubu, bis wir gegen 21 Uhr am Bootshaus eintrafen, wo gerade eine Fete in vollem Gange war und ich mein Fahrrad erst mal suchen musste. Noch eine Info für Bb Klaus Niemsch: Ich pflege selbstredend nur nach dem deutschen Reinheitsgebot gebrautes Bier einzunehmen. Deshalb trank ich zu Hause auch diesmal vor während und nach meinen Spagettis kein amerikanske Bud (o Graus), sondern echt böhmisches, äußerst bekömmliches Budvarske pivo. Und überhaupt: - De gustibus non est bekanntermaßen disputandum. |
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