Und erstens kommt es anders und zweitens als man denkt
Fahrtenbericht vom 16.5.2007
(vorgetragen vom Leid tragenden Berichterstatter Berndt Wittjen)
Also geplant waren für den 16.5.2007 Aufstehen kurz nach Mitternacht – weil unser Fahrtenleiter bedauerlicherweise einen anderen Biorhythmus hat als die meisten seiner überwiegend verrenteten Mitstreiter – und sodann Rudern von Halle bis Bernburg = 52 Km, in Worten zweiundfünfzig Kilometer! Pervers! Einziger erhoffter Lichtblick: 1. Wechsel an der Fähre Wettin (nach 18 Km) mit Ausblick auf ein kühles, frisch gezapftes Bier von unserem Stammwirt. Allerdings so, wie ich den Landdienst aufgrund langjähriger leidvoller Erfahrungen kenne, hätte der uns wieder durchgewunken ("dawei, dawei") und nix wär`s geworden mit dem kühlen blonden Köstritzer Bier.
Und was ist aus dem Plan geworden? Abbruch der Ruderfahrt für diesen Tag in Wettin wegen drohend aufziehenden Gewitters. Eine allseits als vernünftig eingestufte Entscheidung des Hilfsfahrtenleiters Bernd (der seine Sache übrigens gut gemacht hat; Anm. der Red.). Ausstieg aus den Booten an einem stark kentergefährdeten Steg, wenig geeignet für wankelmütige Gestalten, und nichts wie raus aus den Ruderklamotten zwecks noch zu beschließenden Landgangs. O jerum, jerum, jerum, o quae mutatio rerum. Früher – wo bekanntermaßen alles viel besser war – hätten wir den Regen nicht gescheut. Heute aber waren wir wasserscheu und somit eher wassersportadäquat.
Zweiter vernünftiger Gedanke: Vorverlegung des warmen Abendessens auf den Mittag. Zu diesem Zweck wurde unser nachtschichtgeschädigter Wirt fast aus dem Bett geholt und zeigte sich willens und bereit ein improvisiertes Lachs- Menü aufzutischen. Dies gelang ihm auch, wie wir nach unserer üblichen langen Wanderung zwischen Pension – gelegen an der langen Reihe Nr. 36 – bis zum Restaurant am anderen Ende der langen Reihe nahe der Fähre feststellen konnten. In diesem Zusammenhang ist natürlich der Fahrtenplaner Manne zu loben. Der lange Weg von der Pension zum Restaurant verstärkte täglich Hunger und Durst und der Weg zurück besorgte die Ausnüchterung; letzteres spätestens dann, wenn die Pensionstür wieder einmal verschlossen war und der Schlüssel von innen steckte, so dass der eigene Hausschlüssel nichts nützte. Hier zeigte sich die Listigkeit unseres Wirtes! Der wollte vermutlich den Zugang unter Kontrolle halten und dadurch unerwünschte Damenbesuche verhindern.
Nach dem Essen waren alle bereit, das Kulturersatzprogramm "Besichtigung der aufstrebenden Stadt Wettin" in Angriff zu nehmen. Die Besichtigung endete überraschend schnell im "ersten" Kaffee am Platze bei Kaffee, Tee und Kuchen mit viel Sahne. Daselbst fand sich an der Wand ein gerahmtes Gedicht, das fast alles aussagt über das, was wir zu Gesicht bekamen und dessen ersten vier Strophen deshalb nachfolgend wiedergegeben werden (Verfasser Wilhelm Schade, anno 1920):
Winklig die Gassen, die Häuser klein,
Holprig das Pflaster, die Gosse nicht rein,
Das Schloss, die Kirche, von Alter grau,
Das ist meine Heimat, drin liegt mein Bau.
Und doch, ich tausch mit der Großstadt nicht,
Hab früh schon im Fenster das Sonnenlicht,
Seh glitzern die Saale im Mondenschein,
Die Nebel brauen auf Wiesen und Hein.
Kann lieben mein Mädel ohne Scheu,
Hab keine Sorgen um ihre Treu`.
Geh jeden Abend jahraus, jahrein
Auf eine Stunde zum Schoppen Wein.
Kenn jeden im Ort, weiß was er tut.
Ob fleißig er ist, ob gerne er ruht,
Ob der Nachbar war nüchtern oder blau,
Das weiß ich am anderen Tag genau.
Den leicht kritischen Tönen hinsichtlich der grauen Stadt, der offenkundig nicht übermäßig begehrenswerten Mädels (sonst wären sie nicht treu) und der Schaffensfreude der Wettiner ist aus Sicht des – wie üblich – meckerigen Berliners nichts hinzuzufügen.
Es erfolgte sodann noch die Besichtigung des kleinen Heimatmuseums, in dem die Geschichte der Stadt und des Fürstenhauses der Wettiner vorgestellt werden. Das Museum ist - mit Verlaub gesagt - etwas kramig, die Chefin desselben aber nett und freundlich. Mein Fazit daselbst: Es lohnt sich, alte Klamotten aufzubewahren (mein Weib wird`s mit Vergnügen lesen!). Ich schaue mal zu Hause nach. Vielleicht finde ich noch ein altes Fahrrad, eine ausgediente mechanische Schreibmaschine oder ähnliche Pretiosen. Dann können meine derzeit leider nicht sehr zahlreichen Nachkommen daraus auch einmal ein Museum bestücken. Unter welchem Titel dies Museum sodann laufen könnte, bedürfte allerdings noch weiterer Überlegungen.
Meine Frage an Axel, wo eigentlich Fürsten vom Dienstrang her einzuordnen sind, wurde von diesem wie folgt beantwortet: Fürsten sind ein Oberbegriff für Herzöge, Markgrafen, Pfalzgrafen, Landgrafen und vergleichbare Chargen. Stimmt! So steht es auch im Brockhaus. Daselbst ist allerdings auch - etwas verwirrend - vermerkt, dass es sich um einen Adelstitel zwischen Herzog und Graf handele. Also was nun? Im Übrigen merkte Axel an, dass das Fürstengeschlecht der Wettiner nach seiner Kenntnis ausgestorben sei. Eigentlich müsste er das wissen, da er vermutlich regelmäßig mit dem Gotha unter dem Kopfkissen einschläft. Ist aber nicht so! Aus Wikipedia entnehme ich hierzu, was folgt:
"Die Wettinische Dynastie deutscher Markgrafen, Kurfürsten und Könige regierte das das Gebiet des heutigen Sachsens und Teile des heutigen Thüringens und der Niederlausitz (Brandenburg) mehr als 800 Jahre und auch einige Zeit das Königreich Polen. Der Name stammt von der Burg Wettin bei Halle (Saale) in Sachsen- Anhalt. Das Fürstenhaus der Wettiner ist das älteste deutsche Fürstengeschlecht."1485 erfolgte seine Spaltung in zwei Linien, die diverse Könige in Belgien, Bulgarien, Polen uns Sachsen stellten und daneben Prinzgemahle von portugiesischen und englischen Königinnen. Bei Wikipedia sind die derzeitigen Oberhäupter dieser Linien (?) benannt. Also irgendwie gibt`s die noch, wenn auch nicht unter dem Namen Wettin.
Dieses vorausgeschickt begaben wir uns auf einen Besichtigungsgang zur Burg Wettin, ehemals besagter Sitz der Wettiner Fürsten und heute durch das "Burggymnasium Wettin" und andere genutzt. Die Burg ist laut Museumsflyer im 8./9. Jahrhundert errichtet und nach Eingliederung der elbslawischen Gebiete in das ottonische deutsche Reich den Wettiner Markgrafen übergeben worden, die sich hohe Verdienste um die Abwehr der Slawen erworben hatten. Die Burg ist auf einem in das Elbtal hineinragenden Bergsporn errichtet, ca. 30 – 40 Meter über dem Saale-ufer. Die Gesamtanlage mit einer Ausdehnung von 500x100 Meter ist mächtig und dürfte dies auch von Anfang an gewesen sein. Unsere Besichtigung fand nur von Außen statt und somit hatten wir keine Gelegenheit, der "weißen Frau" zu begegnen, die manchmal auf der Burg als Geist herumwandert, versehen mit einer weißen Schleierhaube und einem großen Schlüsselbund. Dies konnten wir allerdings leicht verschmerzen, da es ausschließliche Aufgabe dieser stillen und freundlichen Frau ist, den Wettiner Fürsten Hinweise auf künftige positive oder negative Geschehnisse zu geben, die für uns gemeines Volk verständlicherweise ohne jede Relevanz sind.
Der Abend klang wie üblich aus
Bei Wein und Bier im Wüatshaus.