Chronik vom Mittwoch, den 17. Mai 2007

Ausschlafen! Das einzige Mal auf der Wanderfahrt: Der Fahrtenleiter hatte das Frühstück erst auf 8.00 Uhr angesetzt, da wir heute unsere Boote ganz ohne Navigationsgerät, nämlich zu Fuß erreichen konnten. Sie lagen außerplanmäßig gewissermaßen vor der Haustür, kurz vor der Schleuse Wettin. Um kurz nach 9 Uhr hatten wir sie über die wackeligen zusammenmontierten Plastik-Sonnenschirmständer, die ein Steg sein wollten, zu Wasser gelassen, uns unter Vornahme artistischer Verrenkungen hineingesetzt und fuhren in die riesige Schleuse. Im Gegensatz zum gestrigen Nachmittag, an dem wir wegen Regens die Etappe vorzeitig abgebrochen hatten, schien uns das Wetter heute hold zu sein.

Ich saß in der Mygg und war voll zupackender Virilität, was sich aber nun mal überhaupt nicht auf das vorschriftsmäßige Festhalten an der Schleusenleiter bezog. Die gestrenge Schleusenwärterin hat mich sofort belehrt. Weil mir diese persönliche Ansprache gut gefiel, habe ich erst gehorcht und dann die Leiter mit hartnäckiger Eleganz wieder losgelassen. Das Verhältnis zur Schleusenwärterin versprach intensiver zu werden, als sich mit drohendem und ohrenbetäubendem Lärm ein Polizei-Hubschrauber näherte und auf dem Schleusengelände landete. Leider waren meine Verfehlungen nicht Ursache des Einsatzes, aber da sich die Schleusenwärterin mit den strammen Polizisten beschäftigte und wir mit einem Mal für sie Luft waren, sind wir auf Mutmaßungen angewiesen: Die Handwerker vielleicht Schwarzarbeiter? Leiche in der Schleusenkammer? Man weiß es nicht!

Folgt mir nun nach Rothenburg ob der Saale zur zweiten Schleusung. Dass der Bürgermeister Willi Schreiber heißt, der SPD angehört und 2001 gewählt wurde, ist eher von serviceorientierter Relevanz. Aber die Zufälligkeit, dass der Ort im Jahre 961 erstmals urkundlich erwähnt wurde und genauso viele Einwohner hat, sollte in einer Chronik nicht unerwähnt bleiben. Nebenbei bemerkt ist eine der Partnerstädte Rothenburgs die Kreisstadt Rothenburg ob der Wümme, auf der die nächste Wanderfahrt nicht stattfindet.

Schleunigst ging’s weiter zur Schleuse in Alsleben. Bürgermeisterin Sylvia Wojtaszek ist stolz auf den berühmten Sohn der Stadt: Fritz Schaper, Bildhauer. Ich bitte, dies zu würdigen. Ich wohne in der Schaperstraße und wollte immer schon mal hierher. Unwichtig ist ansonsten noch, dass der Ort seit dem 10. Jahrhundert Grafensitz ist.

Nächste Station: Bernburg. Alles aussteigen! Heute endet hier die Tour ... und wir machen in Kultur. Denn dieses Städtchen hat was zu bieten. Zunächst schon mal von weitem eine krasse Skyline. Zwar wurden wir wieder nicht vom Bürgermeister geziemend in Empfang genommen – in dieser Hinsicht sind die Vorbereitungen der Wanderfahrt eher als suboptimal zu bezeichnen – aber bitte, Helmut Rieche (CDU) war vielleicht gerade bei seinen Braunbären in dem seit 1996 artgerecht eingerichteten Schlosszwinger. Wie wohl die Viecher vor der Zwinger-Modernisierung untergebracht gewesen sein mögen? Jedenfalls präsentierte einer der Bären stolz seinen Hospitalismus in Reinkultur, während der andere pennte.

Aber der Reihe nach. Erstmal haben wir mal auf dem Gelände des Bernburger Ruderclub e.V. gepicknickt und neidisch die zahlreichen Fotos im Treppenhaus des Clubs mit den vielen Aktivitäten und Regattaerfolgen dieses Rudervereins mit immerhin 45 Kindern und Jugendlichen bewundert.

Gut gesättigt ging‘s dann zum Schloss, um die Kultur eines Cafés zu genießen. Das mit der Kultur ist so falsch nicht, zumal Bernburg eins ist mit seiner Trichterbecherkultur, die man nun mal am besten durch den Genuss von Cappuccino aus selbigen kennen lernt. Der Erdbeerkuchen schmeckte in dem fluffig eingerichtetem Café ebenfalls köstlich. Immerhin handelte es sich um das ehemalige Waschhaus der Fürsten und Herzöge von Anhalt-Bernburg.

 

Was das Brandenburger Tor für Berlin ist, was die Frauentürme für München bedeuten, das ist der Eulenspiegelturm des Schlosses für Bernburg: Das Wahrzeichen der Stadt. Wenn dieser gewaltige Rundturm dem Wanderer aus der Ferne winkte oder vor den Blicken der mittelalterlichen Fuhrleute auftauchte, die mit ihren schweren Frachtwagen die alte Heerstraße von Magdeburg über Bernburg nach Halle fuhren, dann erkannten sie bei guter Sicht auf freier Höhe den wegweisenden Eulenspiegelturm und wussten nun, dass sie im Tale die alte Saalestadt Bernburg vor sich hatten. Till war mal auf der Bernburg Turmwächter, und deshalb findet man überall in Bernburg Hinweises auf diesen Typen. Jeder kann das Narrenkostüm anprobieren. Dafür gibt‘s eine Wand mit aufgemaltem Till und einer Öffnung für das eigene Gesicht vor dem Eingang des Museums im riesigen Burghof – übrigens einer der größten in Deutschland. Wanderruderfahrtenfotograf Bernd hat natürlich alle kleinen ARG-Tills abgelichtet. Manche zeigten dabei einen etwas bräsigen Gesichtsausdruck.

Die berühmten eiszeitlichen Schrammen, verursacht durch Gletscherschliff gröbster Körnung auf den riesigen Gesteinsplatten im Gletschergarten der Stadt haben wir uns für einen späteren Besuch aufgehoben, ....weil wir von ihrer Existenz erst durch diesen Bericht hier an dieser Stelle erfahren.

Heute und hier muss vom "Heringskrieg" die Rede sein. Jeder kennt ihn spätestens seit der 17. Wiederholung der Golden-Girls-Folge "Die Macht des Käsekuchens", in der die charmante Rose Neiland vom großen Heringskrieg zwischen den Johannsons und den Ingerblökers schwärmte: Die Johannsons wollten eingelegte Heringe verkaufen, und die Ingerblökers wollten einen Heringszirkus aufmachen. Die ganze Stadt war gespalten! Am Ende haben sich die Ingerblökers mit dem Heringszirkus durchgesetzt. Bei der Auseinandersetzung wurde auch ein Hering durch eine Kanone geschossen, was er aber nicht überlebt haben soll. Aber ich schweife ab, schließlich geht’s hier um den Bernburger Heringskrieg. 1426 wurde er durch die Umgehung der Zollstelle bei Gerbitz eines aus Lübeck kommenden mit Salzheringen und Stoffen beladenen Warenzuges ausgelöst. Die Ladung wurde in Bernburg beschlagnahmt. Nun forderten die Hansestädte Magdeburg und Halle den Fürst Bernhard VI. von Anhalt-Bernburg auf, bei Nachzahlung der Zollgebühr die Güter freizugeben, was dieser ablehnte. Daraufhin zogen die Magdeburger mit ca. 500 Bewaffneten gegen Bernburg, auch die Stadt Halle unterstützte diese Aktion. Die Hallenser blieben mit ihren Kanonen in den Niederungen bei Edlau stecken, und die Magdeburger belagerten die Talstadt von Bernburg und versuchten sie auszuspähen. Die Späher waren nahe einem großen Holunderbusch an der Stadtmauer, in dem sich 3 betrunkene Schuhknechte versteckt hielten, um sich dem Waffendienst zu entziehen. Die Schuhknechte flüchteten vor den Magdeburger Spähern und verursachten dabei laute Geräusche, die die Späher ihrerseits zur Flucht bewegten, und so blieb der Überraschungsangriff aus. Im Folgenden kam es dann doch zu Zerstörungen und Verwüstungen in den benachbarten Dörfern, aber letztendlich zum Friedensschluss mit der Freigabe der Warenladung durch den Fürsten. Die verängstigten Schuhknechte haben aber die Stadt Bernburg vor einer großen Niederlage gerettet.

Bitte, was sind Schuhknechte? Stiefelknechte als Hilfsmittel zum leichteren und zugleich schonenden Ausziehen von Stiefeln sind mir bekannt. Diese sind aber aus Holz, während jene betrunken waren. Sind mit den Schuhknechten Schusterjungen gemeint? Das sind – wie jeder weiß – Backwaren! Oder Schustergesellen? Also ausgelernte Schuhmacher. Analog könnte man ja dann ausgelernte Schneiderinnen mit Fug und Recht als Kleidmägde bezeichnen. Nie gehört! Der ausgelernte Maurer wäre mit dem Hausknecht identisch? Auch Quatsch. Also ich weiß nicht, wer oder was diese Schuhknechte waren: Bitte um den Publikums-Joker!

Nachdem uns Bernburg nun hinlänglich erforscht schien, hat sich unsere Wagenkolonne wieder in Richtung Wettin in Bewegung gesetzt. Wie üblich schlief ich ein und kann daher nichts über die Fahrt berichten. Mit konstanter Zuverlässigkeit und ganz ohne Navi sorgte Pilot Frieder für einen geruhsamen ununterbrochenen Schlummer bis zu Meyers Stuben, wo Inna Kinkal – unsere aufmerksame Wirtin – mit dem ersten frischen Bier schon auf uns wartete und uns fortan jeden Wunsch von den Augen ablas und erfüllte – jedenfalls fast jeden.

Kurz vor dem Abendessen kamen Heike und Jörg aus Berlin angereist und verstärkten unsere Wo/man-Power für die nächsten Tage. Das Abendessen habe ich in sehr guter Erinnerung: Es gab einen phantastisch schmeckenden Entenbraten mit Rosenkohl und Klößen.

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