Unstrut und Nutria
Mein Herz schlug etwas schneller als gewöhnlich als ich im Herbst vorigen Jahres vernahm, dass unser Wanderruderexperte und Ruderwart noch einmal eine Fahrt an die Unstrut, die Saale und die Elbe plante. Die Unstrut- für mich seit dem Geschichtsunterricht in den 50er Jahren ein geheimnisvoller, spannender Name eines Flusses, der für mich schon damals und dann eben sehr lange Zeit nicht mehr erreichbar war. Unstrut - das klingt für mich immer noch etwas rau und ungewöhnlich, Saale und Elbe dagegen scheinen sanft und gebändigt zu sein. Unstrut - ein Name aus zwei dunklen Vokalen und vier schweren Konsonanten - das klingt eben mythisch und archaisch. Und tatsächlich weiß niemand so genau, woher dieser Name kommt und was er möglicherweise bedeutet. Onomastiker ( Namensforscher ) behaupten, dass der Name indoeuropäischen, vorgermanischen Ursprungs ist und schließlich in der Völkerwanderungszeit ( Onestrudis Unestrude Unstrut ) endgültig geprägt wurde und wahrscheinlich und so etwas wie 'gewaltiges Sumpfdickicht' heißt. Manche Forscher übersetzen Unstrut auch mit 'bösem, üblen Gewässer'. Na ja, gestunken hat die Unstrut ja zeitweilig auf den von uns geruderten Strecken und manchmal sah das Wasser ja auch finster aus. Wie dem auch sei- vielleicht lag es nicht nur an den Panzerreitern, sondern auch an der üblen, sumpfigen Unstrut, dass 933 die Ungarn bei einem ihrer Überfälle auf Sachsen bei Riade geschlagen wurden. Riade liegt wahrscheinlich an der Unstrut, aber keiner weiß genau wo. Jedenfalls hat dieses Ereignis bewirkt, dass der Name Unstrut in allen Geschichtsbüchern auftaucht.
Heinrich I. siegt über die
Ungarn (Stich Mitte d. 19. Jhs.)
Überhaupt eine geschichtsträchtige Gegend, durch die wir da gerudert sind. Jeder kennt ja wohl die berühmte Himmelsscheibe von Nebra:
Auch übrigens wieder so ein merkwürdiger Name, ganz alt, indoeuropäisch... aber darüber verbreite ich mich jetzt nicht.
Heute erinnert nichts mehr an die sumpfigen Urwälder, in denen sich vor mehr als tausend Jahren Sachsen und Ungarn herumprügelten. Mir erschien der Fluss, immerhin mit seinen 189 Kilometern der wasserreichste Nebenfluss der Saale, eher ein Flüsschen, gerade noch fürs Rudern geeignet, nicht sehr hübsch, oft auch sehr flach und manchmal eben auch stinkig. Bisweilen erschien mir die Unstrut aber auch ganz nett. Ich zitiere aus einer Tourismuswerbung aus dem Internet: "Seine ( das Tal der Unstrut ) Landschaft ist nicht großartig, eher lieblich und anmutig. Wer vom erhöhten Ufer den Blick ins Tal schweifen lässt, ist entzückt von der Schönheit, die sich ihm bietet. Sie ist im Frühling, wenn die Sonne ihre Strahlen über zartes Grün und bunte Blüten ergießt, nicht minder eindrucksvoll als im Herbst, wenn auf den Feldern der Erntesegen steht und in den Weinbergen die Reben leuchten...
Kein Dichter hat sie noch gefeiert, kein Sänger besungen, kaum ein Maler im Bild festgehalten. Wer erst einmal im Unstruttal gewandert ist, kommt nicht wieder von ihm los; er kehrt zurück, um immer neue Schönheiten zu entdecken, neue Reize, neue Anziehungspunkte zu finden, die zum Verweilen, zum Schauen und zum Erholen einladen."
Vielleicht hat ja unser Ruderwanderfahrtenleiter ähnlich empfunden, als er das Unstruttal zum ersten Mal sah - wie dem auch sei, der Morgen am Beginn unseres zweiten Wanderfahrtentages begann vorzüglich nach einer ruhigen, schnarchfreien Nacht. Mein Zimmermitbewohner Bb. Jäh hatte sich bereit erklärt zuerst aufzustehen, so dass ich noch etwas länger im Bett mich auf den Tag mental vorbereiten konnte ( danke Hans ! ). Pünktlich um 8.00 war ich am Frühstückstisch - und dennoch war ich der Letzte und musste mich zwischen zwei Bb.s an schmaler Tafel drücken. Das Frühstück war prima und so konnten wir dann gut gelaunt unser Tagwerk beginnen. Das bestand natürlich im Rudern auf der Unstrut. Pünktlich um 7.45 Uhr ging es los mit der Fahrt zum Einsatzort. Wir fuhren bei Sonnenschein durch eine hügelige Landschaft mit vielen leuchtend gelben Rapsfeldern und kamen nach ungefähr einer Stunde Fahrt nach Balgstädt, der Ort, an dem unsere Boote auf uns warteten. Von Balgstädt sahen wir praktisch nichts. Der Ort ist auch wohl nicht sehr bemerkenswert. Immerhin wirbt er damit, dass er inmitten des Naturparks Saale-Unstrut-Triasland ( ? ) liegt. Interessanter fand ich die in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Stadt Freyburg mit einem schönen Stadtkern, einer etwas außerhalb gelegenen Burg und vor allem mit dem inzwischen ja überall bekannten Weinen aus dem Saale-Unstrut-Gebiet. Ich hatte den ersten Landdienst und deshalb kam ich direkt an den beschriebenen Orten vorbei. Die rudernden Bb.s befuhren noch einige Kilometer die Unstrut bis nach Naumburg, wo sich die Saale für die dunklen Wasser der Unstrut öffnet. Über Naumburg mit der unvergleichlichen Uta im Dom brauche ich wohl nichts zu berichten, denn dies ist ja sicherlich den meisten vertraut.
Der erste Wechsel erfolgte im RV Weißenfels, der uns eine schöne Wiese zum Picknick und zum Erholen bot. Die Mannschaft war zufrieden. Zufrieden waren auch einige vierbeinige Besucher, die den Ruderplatz offenbar als eigenes Territorium ansahen und sich durch uns nicht stören ließen. Ich hatte sie zunächst aus der Entfernung als Biber angesehen, bei näherer Betrachtung erwiesen sie sich als ebenso naturgeschützte Bisamratten. Nutria ist allerdings die fachmännischere und ja auch hübschere Bezeichnung für diese Tiere, wie uns Bb. Krüger sagte, der sich mit Fauna und Flora am besten von uns allen auskennt. Niedlich waren die sieben Jungtiere, die eifrig das Gras abknabberten und bis auf wenige Meter an unseren Lagerplatz heranrückten. Füttern lassen wollten sie sich aber nicht Und das macht man ja auch mit Wildtieren nicht.
Über den Rest der Ruderstrecke gibt es nichts zu berichten. Wir landeten schließlich in Bad Dürrenberg, wo uns ein junger, streichelbedürftiger Hund und ein frisches Bier an einem Sportclub erwartete. Dann ging`s wieder zurück ins Quartier vorbei an Windrädern, alten Industrieanlagen, Mohnblumen und Gerstenfelder, die aussahen, als wären sie mit einem grünen samtenen Teppich belegt. Der Abend brachte dann noch eine angenehme Überraschung: Axel von Starck traf ein, um für den Rest der Fahrt beim Rudern mitzutun.
Das Abendessen bestand aus einer Steakplatte - vorzüglich. So gestärkt konnte Bb. Jäh seinem neuen Lieblingssport nachgehen und einige Bb.s mit provokanten Thesen zu einer Diskussion über den Wahrheitsgehalt der von der Geschichtsschreibung dargestellten Bilder vergangener Ereignisse und überhaupt zur Lage der Welt im allgemeinen und zur Demokratie im besonderen verleiten. Nach ca. zwei Stunden heftigsten Gedankenaustauschs fiel uns nichts mehr ein und so trotteten wir dann schließlich den etwas langen Weg vom Restaurant zu unserer Schlafstätte.